Religionen der Welt

betrachtet von KUSS

 

Strukturen des religiösen Bewusstseins

(nach Jean Gebser)

Wir stehen heute in einer Wende des Wesens der Religion. Überhaupt sind die Bewusstseinsstrukturen, mit denen wir die Welt zu erfassen versuchen, einer grundlegenden Änderung unterworfen. Unsere bisherige Herangehensweise an die Welt ging von der Tatsache aus, dass wir rechts und links unterscheiden können. Das mag komisch klingen, aber im Gegensatz zu den anderen Bewusstseinsstrukturen ist es eben für die mentale Bewusstseinsstruktur kennzeichnend, dass die Unterscheidung von rechts und links und damit ebenso von richtig und falsch als wesentlich angesehen wird.

Jean Gebser unterscheidet in seinem Buch "Ursprung und Gegenwart" fünf Strukturen des (religiösen) Bewusstseins. Die heute noch gültige ist die mentale Struktur. Drei liegen schon hinter uns: die mythische, die magische und die archaische, wo sich dann aber das Denken in unergründlichen Anfängen verliert. Noch vor uns liegt die integrale Struktur, auf deren Schwelle wir stehen. Diese Strukturen sind nicht einfach als Höherentwicklung zu verstehen, auch wenn sie zum Teil aufeinander aufbauen. Sie lösen auch nicht einander ab, sondern die vorhergehende Struktur ist in der neuen Struktur enthalten. Deshalb heißt auch die abschließende Struktur die integrale, weil sie alle ihr vorangehenden Strukturen in sich einschließt. Jede dieser Strukturen hat eine vollkommen andere Art, an die Welt heranzutreten und die in dieser Welt empfangenen Eindrücke zu verarbeiten. Jede Struktur konstruiert demzufolge eine andere Vorstellung von der Wirklichkeit. Jegliches Denken wird durch die ihm zu Grunde liegende Struktur geprägt und bleibt ihr letztendlich verpflichtet.

Die heute noch bestimmende Struktur ist die mentale. Das lateinische Wort mens bedeutet Denken, Verstand und ist mit dem Wort "messen" verwandt. Das Charakteristikum der mentale Struktur ist also, dass sie alles und jedes ausmessen will. Die Quantifizierung der Welt, die Bedeutung, die Zahlen, Beträge, Wertangaben, Größenangaben und Statistiken heute haben, sind deutliche Kennzeichen des Mentalen. Die Bewusstseinskraft, die der mental geprägte Mensch einsetzt, um die Welt zu begreifen, ist das gerichtete Denken. Das Auge ist das entscheidende Körperorgan des mentalen Menschen; das Auge, das aus der Distanz heraus arbeitet. Ein mentales Bewusstsein stellt sich die Dinge im Denken vor und denkt ihnen nach. Es hat wenig Gewinn davon, die Dinge z. B. zu betasten oder sich mit ihnen zu vereinen. Denn es geht ihm um kausale Zusammenhänge, um Gründe und um Logik - alles Fragen, die allein mentales Denken beantworten kann.

Deshalb wird im Vollzug unserer Weltaneignung immer nach Begründungen gefragt, und zwar werden logische Gründe erwartet. Das Denken hat eine Richtung erhalten: die Ursache hat eine Wirkung, welche selbst wieder zur Ursache für andere Wirkungen werden kann. So ergibt sich eine Kette von Kausalzusammenhängen, die gerichtet ist. Ihr Gerichtet-Sein ist der Beweis für ihre Richtigkeit. Dadurch lässt sich wirkliches Wissen von einfachem Meinen unterscheiden. Und Wissen ist Macht - dies gilt aber auch nur für die mentale Bewusstseinstruktur.

Die Unterscheidung von richtig und falsch fordert eine Entscheidung heraus. Der uns allen aus der Mathematik bekannte Pythagoras, der nicht nur Mathematiker, sondern auch Philosoph war und am Beginn der mentalen Bewusstseinsstruktur steht, schrieb den in seine Schule Eintretenden ein "Y" in die Hand als Symbol für eine Weggabelung, an der man sich entscheiden muss. Damit erscheint zum ersten Mal das bewusste und selbständige Ich, das uns heute so viel wert ist. Dieses Ich, dass nun auch in der Lage ist, Verantwortung zu übernehmen, ist eine wesentliche Errungenschaft der mentalen Bewusstseinsstruktur. Es erfährt sich in dieser Bewusstseinsstruktur als der Welt gegenüber, als abgetrennt, ausgesetzt oder gar entfremdet. Es richtet sein Denken auf die Welt aus und versucht, sie zu ermessen und daraus Richtlinien für sein Handeln, dass richtiges Handeln sein soll, abzuleiten. Ziel des Ganzen ist, dass das Leben einen Sinn erhält, der mein eigener Lebenssinn ist. Die Welt, die ich vorfinde, fordert von mir eine Antwort - ich übernehme Verantwortung.

Diese Art der Welteroberungen begann vor mehr als 2500 Jahren mit einem Prozess, den Karl Jaspers als Achsenzeit beschrieben hat. In verschiedenen Gegenden der Welt, in Indien, China, Griechenland, richtet der Mensch sein Denken auf das Denken, wird ihm sein Bewusstsein bewusst. Durch diese Reflexion werden dem Menschen sein Sein im Ganzen, sein Selbst-sein und seine Grenzen deutlich. Jean Gebser spricht von der mentalen Struktur als dem Zeitalter der Wachheit. Das Erwachen brachte natürlich einiges Chaos mit sich. Doch die neue Struktur setzte sich durch: die griechische Schrift wechselte ihre Laufrichtung von links nach rechts; Gesetz und Recht erhalten Bedeutung; Homer beginnt seine Ilias mit der Zeile "den Zorn, singe, o Göttin", wobei das griechische Wort für Zorn wie ein Signal den Beginn einer neuen Ära anzeigt: menin, lateinisch mens.

Später nimmt Aristoteles die Gegensatztafel des Pythagoras auf und unterscheidet Grenze und Unbegrenztes, Gerades und Ungerades, Einheit und Vielheit, Rechtes und Linkes, Männliches und Weibliches, Ruhendes und Bewegtes, Gerades und Krummes, Licht und Finsternis und Gutes und Böses. Doch sind diese Gegensätze nicht symmetrisch zu lesen, nur die eine Reihe ist die richtige, die andere ist die falsche.

Dies gilt von nun an auch im Bereich der Religion. Es gibt richtige und falsche Religionen, es gibt Glaubenswahrheiten, die Richtschnur für meinen eigenen Glauben sind. Ich habe mich für eine Religion zu entscheiden, generell hat meine Lebenszeit den Charakter einer Frist. Der Gott fordert die Menschen, und das, was er von ihnen fordert, ist eindeutig: das Gute. Der Entdeckung des Menschen als des Einzelnen geht die Entdeckung des einen Gottes konform. Hier, im Verhältnis von eins zu eins, ist Verantwortung - Verantwortung für mein Leben - möglich. Der eindeutige Gott - "Gott ist Licht und keine Finsternis ist in ihm." (1 Joh 5) - fordert von mir eine eindeutige Entscheidung.

Ein paar Begriffe aus verschiedenen Bereichen können vielleicht die mentale Bewusstseinsstruktur noch etwas deutlicher machen. Die mentale Struktur ist auf den Raum fixiert, sie kennt den dreidimensionalen Raum und die perspektivische Darstellung. Die Betrachter-orientierte Perspektive, sozusagen das Markenzeichen mentaler Kunst, zeichnet sich interessanterweise gerade dadurch aus, dass sie die Dinge nicht so darstellt, wie sie eigentlich sind, sondern so, wie sie für mich erscheinen. Mentale Musik ist gekennzeichnet durch reine Intervalle, die den Gesetzen der Mathematik entsprechen. Der Mensch ist ganz wesentlich auf die Außenwelt bezogen, sie ist sein normaler Lebensraum. Er abstrahiert, reflektiert und fasst daraus Pläne für die Zukunft. Doch die Welt ist immer nur eine von ihm gedachte und vorgestellte Welt; da er kaum in der Lage ist, die Welt unreflektiert zu erleben, entgleitet sie ihm unaufhörlich. Der philosophische Ausweg aus diesem Dilemma ist die These "Denken ist Sein". Wie die Philosophie, so wird auch die Religion (das Wort Religion wird hier vom lateinischen religare abgeleitet) wissend und deduzierend von Dogmen, Zeremonien und Methoden beherrscht. Dies scheint ein Gebiet zu sein, auf dem die Männer in der Vorhand sind, jedenfalls ist eine mentale Kultur patriarchalisch geprägt und - da sie zukunftsorientiert ist - eine sogenannte Sohneswelt, die nicht selten (wie heute gut zu beobachten) einen Kinderkult praktiziert. Wenn Gott nur einer ist, muss offensichtlich jeder seinen eigenen finden.

Auch dieses Buch ist im wesentlichen ein mentales. Deshalb werden vor allem die Techniken der Erklärung, der Argumentation und des Dialogs (natürlich nur, um den Gesprächspartner zu überzeugen) genutzt. Man kann darin die Stärke der mentalen Bewusstseinsstruktur sehen: wir sind in der Lage, die Welt im Großen und Ganzen zu verstehen, Voraussagen aufgrund logischer Schlüsse zu machen und Vergangenes aus seinen Ursachen zu erklären. Unsere Distanz zur Welt ermöglicht uns ein willentliches Einfluss nehmen und damit ein produktives Gestalten derselben. Die mentale Struktur ist sicherlich am besten dazu geeignet, die Welt zu beherrschen. Und dennoch merken wir, dass wir an unsere Grenzen stoßen, an denen die Sehnsucht nach anderen Formen der Begegnung mit der Welt auftaucht. Solche Formen zu finden ist nicht besonders schwierig: wir tragen sie bereits in uns.

 

Die mythische Bewusstseinsstruktur ermöglicht uns die Aufhebung der mentalen Dualität in eine Polarität. Gegensätze schließen einander nicht mehr aus, im Gegenteil: sie gehören untrennbar zusammen. Das wohl bekannteste Beispiel hierfür ist die chinesische "Weltformel" Yin - Yang. Aber die mitgedachte Polarität wird auch da deutlich, wo allein durch Variation des Vokals in einem Wort sein Gegenteil ausgedrückt werden kann. So z. B. in Weg oder weg, Maß oder Masse, Muße oder muss usw. Mitunter kann ein Wort selbst beide Gegenteile bezeichnen. Hier ist das Wort mythisch selbst das prominenteste Beispiel, es kann im griechischen sowohl von dem Wort "schweigen" als auch von dem Wort "reden" abgeleitet werden. Andere Beispiele sind das lateinische Wort sacrum, dass sowohl "heilig" wie "verflucht" bedeuten kann, das lateinische Wort altum, das "hoch" oder "tief" heißen kann, und das deutsche Wort all, das sowohl "alles" wie auch "nichts" ("es ist alle") bezeichnen kann. Hier wird sprachlich ausgedrückt, dass die beiden Hälften, die deutlich unterschieden werden, dennoch nicht voneinander zu trennen sind. Sie gehören zueinander, korrespondieren miteinander und können ohne einander nicht sein.

Die mythische Bewusstseinsstruktur legt großen Wert auf die Form sprachlichen Ausdrucks. Daher sind auch Dichtung und Philosophie nicht von ihr zu trennen. In diesem sprachlichen Ausdruck jedoch wird deutlich, was wohl den Anstoß für diese neue Art mit der Wirklichkeit umzugehen gegeben haben mag: dem Menschen wurde die eigene Seele, der eigene Innenbereich als ein Gegenüber zum Außenbereich der Welt bewusst. Doch sind Innen- und Außenwelt nicht voneinander zu trennen, sie sind voneinander abhängig und auf einander bezogen. Die klassische mythische Antwort lautet demzufolge: "sowohl, als auch". Solch ein Weltverständnis lässt sich natürlich schlecht in logische Abhandlungen bringen. Die mythische Form, die Welt darzustellen, ist die Geschichte - der Mythos. Hier wird die Wirklichkeit erzählt. Damit ist allerdings nicht eine historische Darstellung gemeint, sondern die Mythen erzählen - darin physikalischen Formeln durchaus ähnlich - das, was immer und überall gültig und wahr ist. In solchen Geschichten kann man nichts diskutieren, deshalb werden sie berichtet und als dieser Bericht tradiert. Das, was bisher immer und überall gültig war, wird es auch in Zukunft sein. Es gibt nichts, dass sich wirklich ändert, anders gesagt: die Welt kehrt immer an ihren Anfang zurück. Das Denken geht also, wenn es der Wirklichkeit folgen will, im Kreis. Dabei bleibt es aber beständig in Bewegung. Das Er-fahren ist die wesentliche Form der Wirklichkeitsbegegnung des mythische Menschen, er bewegt sich auf die Welt zu und diese kommt ihm entgegen. Sein Empfinden wird angesprochen, und die in ihm entstehende Imagination wird ausgesprochen - ein wechselseitiger Prozess von "Einbildung" und Aussage, von Schauen und Stimmen. Die Aussagen allerdings gehorchen nicht der uns vertrauten Logik; im Normalfall ist das Gegenteil ebenso wahr. Und dies gilt nicht nur für das Reden; das Gesagte allein ist nicht entscheidend, immer muss das im Gesagten Verschwiegene dazu beachtet werden. Diese Polarität der Gegensätze - und genau das gilt es sich bewusst zu machen - hat für die in ihr lebenden Menschen etwas ungemein sicherndes. Eine Polarität, die sowohl das eine Extrem, als auch das andere Extrem für wirklich und wahr nimmt, bietet mir einen größeren Lebensspielraum, als die mentale Dualität, die nur eines der Extreme als richtig und das andere als falsch ansieht. So kennt die mythische Welt auch keine Gesetze, deren nur ein mentales Bewusstsein bedarf; der mythische Mensch ist in der Polarität, d. h. in erfahrbaren Geschichten, wesentlich stärker geborgen und eingebunden, als dies wohl für einen mentalen Menschen, der sich vor allem der Welt gegenüber erfährt, vorstellbar ist.

Dennoch ist die mythische Bewusstseinsstruktur auch für uns nicht unerreichbar. Überall da, wo die Wirklichkeit nicht in kausalen Ableitungen, sondern in Geschichten verständlich gemacht wird, ja noch mehr, wo Wirklichkeit als Geschichte erlebt wird, kommt unser mythisches Denken an die Oberfläche. Es gibt keine Verliebtheit ohne Mythen. Da wo geredet, besonders wo getratscht wird, wird der Mythos lebendig. Der Wunsch und die Erfüllung gehören ebenso ins mythische Denken wie alle Kreisläufe der Natur. Und jede Nacht tauchen wir im Traum tief in die mythische Welt. Dazu jedoch muss fest gehalten werden, dass für den mythische Menschen Träume noch von solcher Intensität waren, dass sie praktisch von der Wirklichkeit nicht unterschieden werden konnten. Auch für Traum und Wachheit gilt die polare Entsprechung: eines ist das andere.

Nach Gebser begann das mythische Zeitalter etwa 2000 v. Chr. und wurde etwa ab dem sechsten Jahrhundert v. Chr. durch die mentale Bewusstseinsstruktur abgelöst. Diese zeitliche Einordnung weist uns deutlich darauf hin, dass alle großen Religionen zu wesentlichen Teilen im mythischen Denken gründen. Für ein Verständnis dieser Religionen ist daher ein Verständnis der mythischen Bewusstseinsstruktur unabdingbar. Wie mythisches Denken überhaupt, so ist auch mythische Religiosität hauptsächlich auf die Vergangenheit bezogen. Sie ist geprägt durch die Erinnerung, durch den Ur-Anfang, die von ihm erzählenden Ur-Mythen und durch die von damals bis heute reichenden Verbindungen. (In der Gesellschaft repräsentieren dies die Eltern, was zum Ahnenkult führt.) Das lateinische Wort relegere, von dem Religionen im mythische Verständnis abgeleitet werden kann, bedeutet "wieder zur Beachtung vorlegen" und beschreibt so gut den mythischen Typ von Religion. Betrachtende Erinnerung und immer wieder neue Erzählung des ewig Gültigen stehen im Mittelpunkt religiöser Betätigungen. Gut ist, was schon immer gut war. Und alles, was war, wird auch wieder sein: die ewige Wiederkehr des Gleichen.

Wohl eine der entscheidendsten Fragen für das Verständnis der Religionen: Wie kann ich als ein der mentalen Bewusstseinsstruktur angehörender Mensch eine möglichst umfassende Vorstellung der mythischen Bewusstseinsstruktur bekommen? Auf Grund der Tatsache das große Bereiche aller Religionen mythischen Denken entspringen, ist dies wesentlich wichtiger, als z. B. eine Vorstellung der magischen Bewusstseinsstruktur zu haben, die in den Religionen keine so große Rolle mehr spielt, wiewohl sie doch vertreten ist. Das Problem dabei ist, dass sich nicht mit Hilfe logische Denkens eine Vorstellung von nicht logischem Denken bekommen kann. Sondern ich muss die auch in der mentalen Bewusstseinsstruktur aufgehobenen mythischen Anteile aufspüren und mir bewusst machen. Etwas auf mythische Art und Weise bewusst zu machen heißt: es zu erfahren. So könnte ich also Bereiche und Praktiken, die gewöhnlich mythisch besetzt sind, nutzen: hier bietet sich vor allem die Sprache an. Dichtung und Poesie, Geschichten, Märchen, Sprachspiele, alles, was die vielfältigen Möglichkeiten der Sprache für mich wirklich werden lässt. Ich kann lesen, schreiben, mit der Sprache spielen, einfach reden und schweigen. Gerade eine tiefe Erfahrung des letzteren - des Redens und des Schweigens - scheint mir für ein wirkliches Verständnis von Gebet bzw. Meditation unerlässlich. Wichtig ist, dass Sie nicht nur über Sprache nachdenken, sondern hier wirklich etwas erfahren, was nicht mit "erleben" zu verwechseln ist. Erfahren meint (um gleich ein Beispiel für den Umgang mit Wörtern zu geben) eine Fortbewegung in eine konkrete Richtung. Das Wort fahren stand früher für alle Arten von Fortbewegung. Ich bewege mich also vorwärts, mir kommt etwas entgegen, und das alles auf einen Weg, der quasi den Raum für meine Erfahrung darstellt. Zu einer Erfahrung gehören also ein Ich, ein Entgegenkommendes (Gegen-stand) und eine Welt, in der die Begegnung, das heißt die Erfahrung, stattfinden kann. Ich muss also damit rechnen, dass mich eine Erfahrung verändert, da sie mich mit anderem außerhalb von mir konfrontiert. Gerade eine tiefergehende Erfahrung von Sprache ist durchaus in der Lage, sogar ein Weltbild zu verändern. Sollten Sie es also probieren, übernehme ich keine Verantwortung. Ich kann es Ihnen nur empfehlen. Beim Lesen gerade ältere religiöser Texte muss ich jedenfalls erwarten, dass wir Sprachprofis am Werk waren. Sie servieren mir Wortspiele, Wortetymologien, versteckte Wortbedeutungen (z. B. in Form von Personennamen oder Ortsnamen), Zahlenspiele (in vielen älteren Sprachen werden für Zahlen und Buchstaben dieselben Zeichen benutzt, der frühere Leser konnte also das Geschriebene entweder als Text oder als Rechenaufgabe lesen) und viele ähnliche Leckerbissen. Wenn ich diese alle nicht erkenne oder damit nichts anfangen kann, werden mir große Bereiche von mythischer Bewusstseinsstruktur geprägter Religiosität verschlossen bleiben. Dies kann mir selbstverständlich auch als Angehöriger einer Religion passieren. Wenn es Ihnen zeitweilig gelingt, die Welt und die anderen Menschen nicht als außerhalb und abgetrennt zu erleben, sondern sich und die anderen z. B. als gemeinsame Teilnehmer an einem großen Spiel (oder einer Geschichte, meinetwegen einem Film) zu erfahren, dürften sie gute Voraussetzungen haben, das Denken und die Lebenswelt großer Teile der religiösen Überlieferungen zumindest ein wenig nachvollziehen zu können. Auf jeden Fall bewegen Sie sich dann nicht mehr im religiösen Porzellanladen wie ein mentaler Elefant. Das wäre schon viel.

 

Wir träumen nicht immer. Manchmal schlafen wir auch. Und leben dennoch weiter. Lässt sich die mythische Bewusstseinsstruktur mit einer Traumphase vergleichen, so gleicht die magische Struktur, die der mythischen zeitlich vorausgeht, dem Schlaf. Das Bewusstsein eines magischen Menschen gleicht dem eines Schlafenden, es wird im wesentlichen vom Unbewussten, von Trieben und Instinkten gefüllt. Trieb, Instinkten und Gefühl sind auch die entscheidenden Kommunikationsmittel. Verständigung läuft hier nicht so sehr über Sprache, sondern über Einfühlung und Eins-fühlen. Auffälligerweise fehlt vielen Skulpturen aus dieser Zeit (Gebser lässt die magische Epoche etwa 12.000 v. Chr. beginnen und etwa 2000 v. Chr. enden) der Mund. Das gesprochene Wort hatte zu dieser Zeit noch eine andere Bedeutung: es ist Macht-Wort. Später wird es Bild, dann Begriff und heute ist es wohl häufig nur noch Formel, doch in magischer Zeit hatte jemand, der ein Wort aussprach, Macht. Das Wort Magie und das Wort Macht stammen aus derselben Wurzel: machen. Genau darum geht es: Magie ist Tun ohne Wissen. Alles, was der magischen Mensch tut, ist Praxis; es gibt hier keine reine Theorie. Auch Sprechen ist also Handeln. Die Kenntnis der richtigen Worte gibt mehr Macht. Der andere muss auf mich hören. Die Erkenntnis, dass man die Ohren nicht wie Augen oder Mund verschließen kann, prägt die magische Kultur. Das Ohr ist ihr wichtigstes Organ. Hören, gehören, gehorchen, hörig sein; die Wortfolge zeigt die grundlegenden Bindung des magischen Menschen an seine Außenwelt an, welche noch nicht gebrochen, wohl aber bewusst geworden ist.

Ein magischer Mensch hat dieses Bewusstsein niemals aussprechen können. Vor allem fehlte ihm das Wort Ich, um zu benennen was da der Außenwelt gegenübersteht, viel zu sehr ist er in eine Gruppe (einen Stamm) eingebunden. Überhaupt vollzieht sich sein Leben eingebunden in vielfältige Verflechtungen, in natürliche Kreisläufe, in Ketten der Lebensweitergabe von den Ahnen zu den Kindern, in Bannungs- und Zaubervorgänge, die strenge Beachtung fordern. Die Vielfalt dieser Verknüpfungen ist nur dadurch zu bewältigen, dass in die Welt klein und überschaubar bleibt. Außerhalb meines begrenzten Lebensraumes kann mir nichts gelingen. Schon die Vorstellung dieses "Außerhalb" ist dem magischen Menschen nicht möglich, da sie auf einer kausalen Schlussfolgerung beruht. Die Schlüsse, die der magische Mensch zieht, sind jedoch nicht kausaler, sondern in vitaler Art. Die Welt erscheint ihm als ein Lebenszusammenhang. In diesem Zusammenhang wird die Wirklichkeit "erlebt". Wenn heute also das Wort Erlebnis wieder eine zunehmende Rolle spielt, so stehen dahinter auch immer magische Bewusstseinsstrukturen. Erleben bedeutet hier ein noch weitergehend unreflektiertes, vorkausales, unmittelbares und als unmittelbar bedeutend angesehenes "Erleiden" der Wirklichkeit. Der mentale Menschen handelt eigentlich nicht bewusst, sondern er nutzt vorgegebene Strukturen, die hauptsächlich Verhältnisse von Herrschen und Beherrscht-werden darstellen.

Das Bewusstsein der Abgetrenntheit von der Außenwelt setzt den Willen frei, diese Welt zu verändern. Veränderung und Beeinflussung aber geschehen durch den Einsatz von Macht. Dabei hilft dem magischen Menschen die Analogie: er setzt Teile für das Ganze und Symbole für die Wirklichkeit. Die Entsprechung zwischen den beiden Ebenen ist aber keine zeichenhafte, sondern eine tatsächliche. Hier wird das Verständnis der Verbundenheit von allem mit allem noch verschärft - zur Identität: das eine ist das andere. Und dennoch bleiben sie eines und anderes, zwei Dinge, nur untrennbar aufeinander bezogen. Jedes Symbol trägt bis heute diesen grundlegend magischen Charakterzug.

Der vielleicht wesentlichste Lebensbereich des magischen Menschen, der die ja noch deutlicher als sie wir ums Überleben kämpfen muss, ist die Fruchtbarkeit. Diese und ihrer menschlichen Formen, im Geschlechtlichkeit und Sexualität, erscheinen ihm als höchst rätselhaft und verwirrend. Dazukommt, dass das Lebensgefühl dieser Menschen ganz zentral im Bereich der Fruchtbarkeit, in den Genitalien und dem Mutterschoß, angesiedelt war. Der magische Mensch lebte im wahrsten Sinne des Wortes "den Bauch heraus ". Er verehrte die Mütterlichkeit schlechthin und Mütter waren seine Götter. (Trotzdem liegt auch in dieser Zeit schon die gesellschaftliche Dominanz in der Regel bei den Männern.) Die Frau, d. h. die Mutter, wenn beides ist nicht zu trennen, ist verantwortlich für das Leben und somit auch verantwortlich für den Tod, denn auch dieses beides ist nicht zu trennen. Tod und Leben sind unmittelbar verbunden, wie auch Gut und Böse, Geben und Nehmen, Erhören und Strafen und vieles andere.

Bis heute ist die Zuordnung der Frau zum Tod z. B. undeutlich erkennbar in der böse Stiefmutter. Außerdem finden wir magische Bewusstseinsstrukturen in allem, was mit den Ohr und mit Hören zu tun hat. Alles Akustische ist magisch eingefärbt. Besonders die durch Musik, genauer genommen durch den Rhythmus, herbeigeführten Ekstasen, führen direkt ins Magische. Jede Trance, Massenhypnose, auch Schlagwörter und Ismen sind ebenso magisch wie eine Heilung durch Besprechen. Ebenso ist jede Bindung an Mond, Nacht oder Höhle magisch inspiriert, weil alle diese Dinge, die auf den ersten Blick nicht zusammen zu passen scheinen, den Bereich darstellen, indem der "primitive" magische Mensch Sicherheit und Orientierung fand.

Schließlich, d. h. eigentlich vor allem, ist jegliche Sexualität ganz wesentlich magischer Gestalt. Es gibt keine Erotik ohne Magie. Sie können ja mal versuchen, dieses " Kribbeln im Bauch " logisch abstrakt zu beschreiben. Man fällt auf Magie nur dann herein, wenn man sie für dumme Zauberei hält. Wer die Magie ernst nimmt, weiß, wo die Mächte der Wirklichkeit - die sich zum Teil rationaler Durchdringung entziehen - wirken und ist dadurch in der Lage, die magischen Anteile in sich zu erleben.

Das magisch geprägte Zusammenleben ist bestimmt von Stammes-, Clan- und Sippendenken, anders gesagt von "Same und Blut", wobei sofort zu bemerken ist, dass solches Denken geschichtlich gar nicht solange her ist. Magische Religion - und für diese Bewusstseinsstrukturen Religion von lateinisch prolegere abgeleitet, was man mit " vor den anderen zusammen sammeln " übersetzen könnte - ist vollkommen vom Gefühl geprägt. Außerdem ist die stets momentan, manchmal sogar spontan, sie hat eigentlich keine Dauer. Die Götzen oder Idole werden durch die Rituale, die natürlich immer dieselben sind, nicht eigentlich verehrt, sondern ein um das andere Mal und jedesmal wieder neu und einzig vereinigt sich der Stamm in Trance mit seinem Gott. Die Götter werden in die eigene Welt eingebunden, so können Sie die Ordnung am wenigsten stören. Das Verhältnis der Menschen zu den Göttern ist letztendlich wohl hauptsächlich ein Kampf, wer schließlich wen beherrschen wird. Das erwachende Eigenbewusstsein, die damit vollzogene Trennung von der Außenwelt und die dadurch gegebene Möglichkeit, diese Außenwelt (zu der auch die Götter gehören) machend, d. h. magisch, zu beeinflussen, führt zu umfassenden und vielfältigen Versuchen - wohl zumeist nach dem Trial and Error-Prinzip -, diese Herrschaft zu erringen, auszubauen und zu gestalten.

Herrscher und Macher sind also deutlich magische Menschentypen. Sie präsentieren eine Form von Wirklichkeitsbewältigung, die hauptsächlich darin besteht, zu wissen, wie bestimmte Situationen "gehandelt" werden können. Dabei wird interessanterweise die Kontrolle an Strukturen abgegeben, die das gesamte Wirklichkeitsgeschehen von vornherein gestalten, und die ich nur zu nutzen brauche. Wahrscheinlich ist gerade ein unbedachter Rückfall in magische Bewusstseinsstrukturen ein heutzutage häufig anzutreffender Typus, weil das magische Denken ebenso wie das mentale Bewusstsein auf die Außenwelt bezogen ist. Daher wird die natürlich verschiedene Herangehensweise an die so oder so verstandene Wirklichkeit nicht so klar unterschieden, wie es in Bezug auf eine mythisch strukturierte Lebensweise (die wesentlich auf die Innenwelt bezogen ist) der Fall wäre. Häufig erscheinen uns ja die Macher als besonders nachahmenswerte Zeitgenossen. Ihr Erfolg liegt jedoch häufig nur daran, dass sie aus dem kausalen Denken zum vorkausalen Gewusst-wie zurückkehren. Diese Rückkehr bedeutet nicht, dass sie die Anteile der magischen Struktur in sich selbst wirklich aufgenommen hätten.

Für ein Verständnis der magischen Bewusstseinsstruktur in den Religionen lohnt es sich, folgende Situationen zu bedenken (und vielleicht gelegentlich zu erleben): ein Kind fällt hin und stößt oder verletzt sich. Es läuft zu Mutti oder Vati oder einer anderen Person und diese pustet auf die Wunde. Dieses Pusten ist eine zutiefst magische Handlung, ein Zaubertrick. Wahrscheinlich könnte niemand genau erklären, warum diese einfache Handlung so überzeugend wirkt. Und wenn, würde er sich wohl zwischen der medizinischen Wirkung der Kühlung, der psychologischen Wirkung der Zuwendung und den Wirkungen von Berührung, Gespräch und dem Gefühl der Geborgenheit verlieren. Vielleicht funktioniert (das ist das magische Wort!) diese kleine, uns allen bekannte Handlung deswegen so gut, weil wir gar nicht wissen, wie es geschieht: genau das ist Magie.

 

Magisches Denken steht jedoch nicht am Anfang der Menschheit, obwohl es schwer zu sagen ist, was genau am Anfang steht. Wie soll man über etwas reden, das selbst nicht redet? Außerdem ist der Anfang nicht nur der zeitliche Beginn, sondern er ist - wie die Lateiner scharfsinnig unterschieden - principium, Prinzip, dauernder Anfang. Im Unterschied zu dem Wort initium, welches den zeitlichen Startpunkt benennt, ist ein Prinzip etwas, dessen ursprüngliche Grundlegung sich bis heute und unter aller Veränderung durchhält. Solch ein Ursprung heißt im Griechischen arche, von daher nennt Gebser dieses ur-anfängliche Denken archaisch. Aber ist es eigentlich schon Denken?

Mit der (noch wesentlich unbewussten) Entdeckung des Gegenübers von Ich und Welt beginnt das magische Denken. Der archaische Mensch kennt noch kein Gegenüber, nicht einmal im Traum: die Menschen in dieser (Vor-) Zeit schliefen traumlos. Wir haben es bereits mit Menschen zu tun, doch ist ihr Bewusstsein das einer reinen Identität. Es ist genaugenommen gar kein Bewusstsein von etwas, sondern nahezu vollständig unbewusst. Die Weltbewältigung geschieht noch wesentlich instinkthaft, in diesem Instinkt aber ist die Erfahrung von Millionen von Jahren als Wissen gespeichert, sodass eine fast vollständige Kenntnis der Welt vorhanden ist, ohne dass Bewusstsein dieses Wissen feststellt. Der archaische Mensch lebte so in einer vollständig problemlosen Identität mit sich selbst, mit der Welt und mit dem Göttlichen.

Da alle Aussagen auf Unterscheidung beruhen, kann ich über eine Welt, in der nicht unterschieden wird, fast keine Aussagen treffen. Der archaische Mensch ist noch nicht durch das Bewusstsein seiner eigenen Abgegrenztheit aus der Ganzheit der Welt herausgebrochen. Er ist vollständig in sie eingebunden, bewältigt und beherrscht sie unreflektiert; er kennt eigentlich weder sich selbst noch eine Welt. Von daher hat er keinerlei Probleme, alles ist wie es ist. Da er sich noch nicht als getrennt von der Welt erlebt, kennt er keinen Willen, diese Welt zu verändern. Er kennt keine Gegensätze, die nach Überwindung rufen. Er erlebt nichts, erfährt nichts und entwickelte keine Vorstellungen. Er ist einfach da, d. h. genau müsste man formulieren: alles ist einfach da. Die Linie, die diesen archaische Menschen vom Tierreich trennt, ist dünn; sie ist vielleicht nur eine Ahnung des Unbewussten, eine Fähigkeit, die latent liegt. Hier liegt das prinzipielle dieses Ur-Anfangs: die Feststellung der Identität von Ich und Welt (die der archaische Mensch natürlich so nicht trifft), ist gleichzeitig die Feststellung der Möglichkeit ihrer Unterscheidung. Logisch gesehen erfolgt zuerst die Benennung von zwei Sachverhalten und erst danach die Behauptung ihres Identisch-Seins. Der Mensch ist also auch schon in dieser Bewusstseinsstruktur Individuum, was gerade durch die Tatsache, dass dieses Individuum sich als identisch mit der es umgebenden Welt erfährt, unterstrichen wird. Als Individuum aber ist er in Begegnung mit dieser Welt, in Kommunikation. Viele Individuen bilden ein Netz, in das sie auch ihre Umwelt einspannen. In wesentlich späterer Zeit wird dieser Sachverhalt (noch sehr undeutlich) durch Begriffe wie Geist, Lebensatem oder Seele benannt werden.

Das ganz normale "Ich-selbst-Sein", auch da wo es nicht bewusst wird, ist unsere deutlichste Verbundenheit mit der archaischen Struktur. Deutlicher noch wird sie in allen Instinkthandlungen, z. B. in Schutzreflexen, besonders wenn diese sozusagen gesellschaftlicher Art sind. Ich meine hiermit all jene unreflektierten Verhaltensweisen, die mein Privatleben, meine Familie bzw. meine Intimsphäre vor dem unberechtigten Zugriff anderer schützen sollen. Genauso gehört natürlich auch die Aufhebung dieses Selbstschutzes hierher. In allen Grund menschlichen Verhaltensweisen lässt sich die archaische Bewusstseinsstruktur erleben: wenn in der Sexualität die Trennung vom Partner aufgehoben wird, wenn im Genuss die Unterscheidung von Genießenden und Genossenen verschwimmt, aber auch wenn in fanatischer Begeisterung die Kontrolle des Bewusstseins aussetzte und ich mich nur noch treiben lassen. Auch in Gewalthandlungen kann ich in die - dann negativ besetzte - archaische Struktur zurückfallen. Gerade durch die Beschreibung als "problemlose" Identität von Ich und Welt kann ein archaisches Bewusstsein als sehr anzustrebende Zustand angesehen werden; es ist es aber in jedem Falle nicht, wenn diese Rückkehr nur aus der Flucht vor den Schwierigkeiten eines bewussten Seins motiviert ist. Religiös gesprochen: eine Rückkehr in das Paradies ist nicht möglich.

In der biblischen Beschreibung des Paradieses - ohne damit eine bestimmte Religion hervorzuheben - finden wir wohl die beste und in unseren Breiten bekannteste Beschreibung archaischer Lebensweise und Religiosität. Sicher ist sie nicht als solche gedacht, doch kann sie auch unter diesem Gesichtspunkt gelesen werden. Der Mensch ist vom Ackerboden genommen, d. h. er erfährt sich als nichts anderes, als was ihn umgibt. Aber er begreift sich als lebendiges Wesen, da er von Gott den Lebensatem erhalten hat. Er wohnt in einem Garten, in dem alles Lebensnotwendige wie von selbst für ihn wächst. Gewisse Bereiche in diesem Garten sind seiner Verfügung entzogen. Die Tiere des Feldes und die Vögel des Himmels benennt er, und das heißt auch hier schon: er beherrscht sie. Doch er ist anders als sie; nur ein Weibchen seiner eigenen Art kann ihm wirklich eine Partnerin sein. Und schließlich ist es der Griff nach der Erkenntnis, nach der Fähigkeit der Unterscheidung, d. h. nach Bewusstsein, der ihn das Paradies verlieren lässt - ohne Möglichkeit der Rückkehr, denn Gott stellt die Kerubim und das lodernde Flammenschwert auf, den Eingang des Paradieses zu bewachen.

 

Dieser Geschichte vom versperrten Rückweg ins Paradies verrät dem, der sie zu lesen versteht, dass auch zu vergangenen Zeiten die Menschen versuchten, diesen Rückweg zu finden. Die Geschichte aber - das mussten sie feststellen - geht nicht zurück, sondern vorwärts. Allerdings lässt sie dabei das Vergangene nicht einfach hinter sich liegen, sie trägt es mit. Jean Gebser sieht uns am Beginn einer neuen, der integralen Bewusstseinsstruktur. Wie der Name schon sagt, soll diese integrale Struktur die vier ihr vorangehenden Bewusstseinsstrukturen integrieren. Es geht demzufolge nicht darum, in die magische oder mythische Bewusstseinsstruktur zurückkehren zu können, sondern vielmehr darum, alle vier Bewusstseinsstufen in sich zu aktivieren - und zwar nicht die eine mal hier und die andere mal später, je nach dem wie es vielleicht passend erscheint; es soll genaugenommen aus dem gleichzeitigen sich-bewusst-sein des Archaischen, Magischen, Mythischen und Mentalen eine neue Struktur von Bewusstsein, das heißt von Umgang mit der Wirklichkeit, entstehen. Und doch entsteht aus dieser Gleichzeitigkeit keine Bewusstseinserweiterung, sondern eine -Intensivierung.

Was kann nun von heute aus schon über diese Struktur gesagt werden? Wir stehen ja, wenn überhaupt, erst ganz in den Startlöchern. Und doch können schon einige Aussagen getroffen werden, da die integrale Struktur in ihren Grundzügen dem paradiesischen Zustand der archaischen Struktur ähnlich sein soll. Der integrale Mensch (bitte nicht: der integrierte) lebt in der Welt ohne Gegenüber. Er ähnelt damit dem archaische Menschen, dem das Gegenüber von Ich und Welt noch nicht bewusst geworden ist, und doch ist er anders als er: er kann Ich und Welt in eine gemeinsame Wirklichkeit, in das Ganze, integrieren. Diese Welt ohne Gegenüber ist nicht inhaltslos, haltlos oder beziehungslos, sie ist nicht Leere und auch nicht Nichts. Sie ist eine durchsichtige Welt, die dem geistigen Auge das Ganze der Wirklichkeit wahrnehmbar macht.

In dieser letzten Beschreibung hat jedes Wort eine ganz besondere Bedeutung. Zuerst ist es das "geistigen Auge", dass die Wirklichkeit wahrnimmt. Der Geist ist es, der die Wirklichkeit auch wirklich erfasst. Das Ganze der Wirklichkeit kann man nicht durch sehen, hören oder betasten ausschöpfen; man muss den Geist benutzen, um es wahrzunehmen. Zweitens geht es immer um das "Ganze der Wirklichkeit", nicht um irgendwelche Teile. Mentales Denken beschäftigt sich immer mit Teilen der Wirklichkeit, da ich ein Ganzes (von den ich selbst auch nur Teil bin) gar nicht vorstellen kann. Unser Denken wird sich also ändern, wir brauchen ein anderes Organ als die Vorstellung, um das Ganze der Wirklichkeit überhaupt erfassen zu können. Dieses Organ ist die Wahrnehmung. Aber, so ist gleich zu betonen, und dies ist der dritte Punkt: das Wort wahr-nehmen ist in seinen zwei Teilen zu lesen. Gebser macht das klar, indem er ihm sein Gegenteil "wahr-geben" zugesellt. Der Umgang des integralen Menschen mit der Wirklichkeit besteht also in wahr-nehmen und wahr-geben, ein Bewusstseinsvorgang, der die Wirklichkeit nicht in Schemen oder Theorien zwängt, sondern ihrer Wahrheit - die als komplexer Prozess vorgestellt wird - annimmt.

Die so im Geist als Ganze angenommene Wirklichkeit, die nicht in Teile zerstückelt und vom Denken vorgestellt wird, ist die Welt der unverstellten Fülle. Es ergibt sich zwangsläufig, dass unsere Sprache in einer solchen Welt neue Aussageformen finden muss und wird, die nicht vorstellend sind. Das schließt ein, das abstrakte und allgemeine Formulierungen in ihr wenig Platz finden werden, den Verallgemeinerungen sind immer eine Sache der Vorstellung. Der integrale Mensch lebt konkret, als sein Bewusstsein und Denken ist an das normale alltägliche Leben zurück gebunden. Auch darin gleicht er wieder dem archaischen Menschen, der ebenso keine Probleme kannte, die nicht mit seinem Alltag zu tun hatten.

Dies hat selbstverständlich Folgen für die Religiosität. Dass es der Geist sein wird, der das Ganze der Wirklichkeit erfasst, weist daraufhin, dass es eine Spiritualisierung, zu deutsch Vergeistigung, des Bewusstseins geben wird. Andererseits ist ein Weltbild ein ausdrückliches Merkmal mentalen Denkens, da es auf Vorstellung beruht. Weltbilder in unserem heutigen Verständnis wird es also nicht mehr geben - was wird dann aus den klar abgegrenzten und in Lehre und Praxis mehr oder weniger eindeutigen Religionen? Eine Art Zivilreligion? Muss ich mich für diese dann bewusst entscheiden? Kann ich sie verlassen? Wie wird sie praktiziert? Viele Fragen, doch einige Antworten zeichnen sich ab.

Ich denke, und das werde ich in der folgenden Darstellung der einzelnen Religionen noch näher erläutern, dass es zwei Wege gibt, auf welchem die Weiterentwicklung der Religionen voranschreiten kann. Diese beiden Wege sind gegensätzlich, nicht gleichzeitig beschreibbar, ja sie schließen sich genaugenommen aus. Sie stehen im Zusammenhang mit zwei jetzt schon existierenden Religionen.

Jean Gebser sieht einen der beiden Wege: dadurch, dass das Ganze durch alle Bereiche hindurch wahrnehmbar wird, wird der Ursprung wieder Gegenwart. Dadurch kann die Anerkennung der Verklärung der Welt zu einer gegenwärtigen Bindung werden. Religion wird so praeligio, Verwendung an das Vor-liegende. Die tiefe Verbindung von allem mit allem wird dadurch offenbar, auch die Verbindung von Jenseits und Diesseits, von Transzendenz und Immanenz, von Gott und Mensch. Die Welt wird transparent - und dies entspricht im wesentlichen der christlichen Offenbarung. Die integrale Bewusstseinsstruktur überwindet den Gegensatz von Glauben und Wissen, indem sie beides verbindet. Sie überwindet - so könnte man vereinfacht zusammenfassen - alle Gegensätze, indem sie sie verbindet. Die Wirklichkeit wird zu einem Netz von Beziehungen - und Netz ist die uralte Bedeutung des griechischen Wortes logos, welcher Logos nach dem Prolog des Johannes-Evangeliums im (!) Anfang der Schöpfung steht, und welcher selbst Gott ist.

Es gibt aber eine zweite Art, Gegensätze abzuschaffen. Anstatt sie zu verbinden, kann ich sie dadurch lösen, dass ich sie für scheinbar erkläre. Diesen Weg für die Religionen innerhalb einer integralen Bewusstseinsstruktur bietet das asiatische Denken, speziell der Buddhismus an. Die Integration des Gegenübers von Ich und Welt wird in diesen Denken dadurch geleistet, das der Gegensatz geleugnet und als einer Täuschung des Denkens angesehen wird. Durch Ent-Täuschung, das heißt durch Überwindung des falschen Denkens, kann das Gegenüber aufgehoben werden, und der Mensch wird wieder fragloser Teil der Gesamtwirklichkeit. Auch dadurch wird die Wirklichkeit transparent und letztendlich alles mit allem verbunden. Der Ursprung wird wieder Gegenwart, weil er nie etwas anderes war. Aber - und das gilt es zu beachten - die Überwindung des falschen Denkens ist nicht nur eine sprachliche, sondern soll eine wirkliche (philosophisch gesagt: eine ontologische) sein. Ich stehe der Welt nicht mehr gegenüber, weil ich immer schon Welt war und bin; damit ist alles Welt und die Welt nichts mehr. Die Gegenwart wird wieder Ursprung, weil sie immer schon im Ursprung war; alles war immer schon im Ursprung, damit ist der Ursprung nichts. Die ganze Wirklichkeit ist eine - oder keine; wer will das unterscheiden, da er doch selber Wirklichkeit ist? Dies wird im Buddhismus auch klar so gesehen (siehe das entsprechende Kapitel): die Wirklichkeit als Ganze ist nicht, das heißt sie ist nur scheinbar. Sie ist auch nicht Nichts, denn dieses Nichts würde im Gegensatz zum Sein stehen, womit das ganze Problem von vorne beginnen würde. Die Wirklichkeit ist Nirvana, zu deutsch Verwehen ins Nichts, also ein Verb. Es gibt in der Wirklichkeit keine Substanz ihre und keine Zustände, alles ist in Bewegung. Die Welt wird also transparent und konkret dadurch, dass die nur scheinbar und in unserem Denken existierenden Gegenstände wieder abgeschafft werden, und nur die jetzt und hier ablaufende Handlung übrig bleibt. Die Wahrnehmung des Ganzen im Geist ist dann an: eine Bewegung, die eben stattfindet.

Beide Wege sind, so denke ich, für die Religionen in der integralen Bewusstseinsstruktur möglich, und die Unterschiede sind immens. Dabei geht es hier nicht um eine so genannte "Welt-Einheits-Religion", sondern um die grundlegenden Muster eines Bewusstseins, das bestrebt ist, alle Aspekte und alle Bewältigungsformen der Wirklichkeit zu integrieren. Es geht um das entscheidende Prinzip (principium) dieser Integration. Sieht es nach Modell A (Christentum) Integration als Vernetzung von Wirklichen zu Wirklichkeit an; oder nach Modell B (Buddhismus) Integration als auf pure Vorhandenheit transparent gewordene Unwirklichkeit? Ich überlasse es an dieser Stelle Ihnen, sich die Konsequenzen auszumalen. Wir kommen darauf zurück.

 

Es geht in dieser Vorausschau nicht um eine neue Welt-Einheits-Religion. Ich persönlich denke nicht, dass es eine solche in absehbarer Zeit geben wird. Was sich aber weiterhin einheitlich entwickeln wird, sind die Strukturen des menschlichen Bewusstseins. Schon am Beispiel der Achsenzeit konnten wir sehen, dass in ganz verschiedenen Gegenden der Welt - damals praktisch noch wesentlich weiter voneinander entfernt als heute - der Sprung von einer Bewusstseinsstruktur zur nächsten zu etwa gleicher Zeit, jedoch in unterschiedlicher Art und Weise vollzogen wurde. Es kann also begründet vermutet werden, dass auch der Sprung zur integralen Bewusstseinsstruktur in absehbarer Zeit weltweit vollzogen wird. Dabei halte ich es für bedeutsam, welches der beiden oben beschriebenen religiösen Grundmuster diesem Anfang der neuen Bewusstseinsstruktur ihren Stempel aufprägen wird.

Eine Zwischenbemerkung: diese Analyse folgt wieder der eingangs beschriebenen theoretischen Betrachtungsweise. Im Konkreten wird es sicherlich mehrere, vielleicht hunderte verschiedene Varianten des Übergangs zur neuen Struktur geben. Theoretisch aber folgen alle in ihren wesentlichen Punkten entweder der einen oder der anderen Grundvariante. Dies ist vor allem deshalb so, weil die beiden Muster nicht die zwei Extreme einer Skala sind, sondern zwei einander ausschließende Modelle darstellen.

Um dies noch einmal zu verdeutlichen, stelle ich kurz dar, was Religion in der jeweils so oder so geprägten Struktur bedeuten würde.

Eine christlich geprägte integrale Bewusstseinsstruktur könnte wohl mit dem vom Apostel Paulus kommenden Wort beschrieben werden: haben als hätte man nicht. Eine Vernetzung von allem mit allem, die gerade durch diese Beziehungsvielfalt jedem seinen Eigenwert ermöglicht. Jeder Teil der Schöpfung - so wäre die theologische Begründung dafür - hat seinen Wert und seinen Sinn genau darin, dass er von seinem Schöpfer abhängig ist. Je abhängiger er ist, desto wertvoller ist er. Er ist von daher nicht selbst-ständig, sondern von Anfang an in Beziehung. Diese Beziehung ist auch seine Sicherheit. Der Mensch muss sich also nicht selbst sichern und kann sich daher an das Vorliegende verwenden. Jean Gebser nennt diese Form von Religion praeligio; eine Weise, die in der Gegenwart lebt und nicht versucht, Beziehungen, die Prozesse sind, in Zustände zu verwandeln, um sie sozusagen im Griff zu haben.

Auch der anderen Form von Religiosität ist klar, dass wir nichts eindeutig und abschließend im Griff haben können. Sie aber schließt daraus, dass wir das Gegenwärtige nur nach gegenwärtigen Gesichtspunkten und ohne Rückbindung an etwaige allgemeine Strukturen, Naturgesetze oder überzeitliche Wesenheiten zu entscheiden haben. Ich möchte diese Art von Religiosität moral-pragmatisch nennen, da sie im wesentlichen nach pragmatischen Gesichtspunkten entscheiden wird und den Wirkungskreis solcher religiöser Entscheidungen ausschließlich auf moralischem und nichtmehr auf philosophischem oder theologischem Gebiet sehen wird. Ansätze dafür sind heute schon deutlich da zu erkennen, wo gefordert wird, dass Religion sich auf den moralischen Bereich beschränken soll, oder wo eine Gleichheit zwischen den Religionen mit der angeblichen Identität ihrer moralischen Vorschriften begründet wird. Dass Religion auch heute schon pragmatisch gehandhabt wird, kann jeder leicht erkennen, der einige (jüngere) religiöse Menschen eine Weile bei ihren Tun beobachtet. Gerade weil diese Form von Religiosität sich gut mit unseren derzeitigen Wirtschaftssystem verbinden lässt, scheint es mir, dass sie zumindest in näherer Zukunft die Hauptrolle in religiösen Leben der Menschheit spielen wird. Als Abendländer sollte man aber zumindest kurz bedenken, dass diese Religiosität leugnet, was für die gesamte Entstehung des Abendlandes konstitutiv ist: die Einmaligkeit und Würde der menschlichen Person.

Neben diesen beiden wirklich integralen Formen wird es eine Vielzahl religiöser Realisationen geben, die nur scheinbar die integrale Struktur erreicht haben. Denn gegenüber der tatsächlichen Verwirklichung der integralen Bewusstseinsstruktur, die verlangt, dass die neue Struktur nicht einfach nur die Nächste in einer Reihe, sondern die alle anderen integrierende Struktur ist, die nicht eine Bewusstseinserweiterung, sondern eine Bewusstseinsintensivierung darstellt, gibt es verschiedene Möglichkeiten, in vergangene Bewusstseinsstrukturen zurückzukehren, die dennoch wie eine integrale Religiosität aussehen können. Viele Varianten davon finden wir schon heute. In Wirklichkeit eine Rückkehr in magische Religiosität zum Beispiel ist eine Form, die für integral die Realisation des " Übersinnlichen " hält. Die Suche dieses Übersinnlichen in sich selbst durch so genannte Meditation und Mystik (die selten genug den wirklich von den Religionen geübten Praktiken entspricht) führt zu einer Rückwendung aus der dreidimensionalen Außenwelt in die zweidimensionale Innenwelt und damit zu einer mythischen Religiosität. Eine im schlechten Sinne mentale Religiosität finden wir überall da, wo die Wissenschaften, zum Beispiel die Mathematik der vierten und weiteren Dimensionen, als neuer Weg zu Gott gepriesen werden. Alle drei Arten stellen sich die neue Realisationsform als eine Erweiterung des menschlichen Bewusstseins vor. Es geht aber dem entgegen nicht darum, den Bereich unseres Wissens, Fühlens oder Machens zu erweitern, sondern es wird darauf ankommen, eine neue Weise der Begegnung mit der Wirklichkeit einzuüben; eine Weise, die oben mit den Wörtern wahrnehmen und wahrgeben beschrieben worden ist.

 

Es dürfte, so hoffe ich, deutlich geworden sein, dass in der Beschäftigung mit den Religionen nicht die Frage nach der Historizität des Berichteten leitend sein kann, sondern dass eine wissenschaftliche Analyse die Strukturen des religiösen Bewusstseins der jeweiligen Menschen zu berücksichtigen hat. Entscheidend ist nicht so sehr, was historisch tatsächlich war, sondern wie das, was war, von den Menschen erlebt, erfahren oder vorgestellt wurde. Gerade um religiöse Überlieferungen zu verstehen, muss ich in der Lage sein, die Mittel, die dem Bewusstsein eines religiösen Menschen jener Zeit zur Verfügung standen, richtig einzuschätzen. Wenn ich nur mit unseren heutigen Denken an die Jahrtausende alten Religionen herangehe, werde ich garantiert zu Fehleinschätzungen kommen und an der wirklichen Bedeutung vieler Phänomene vorbeigehen. Deshalb ist es wichtig, sich bewusst zumachen, dass aus dem Geflecht, welches die Bedingungen der Lebenswelt, die jeweils gerade zu bearbeitenden Fragen und die im Denken dafür schon bereitstehenden Mittel (neben anderen Faktoren) bilden, eine Struktur entsteht, die bestimmt, was und wie wahrgenommen wird. Kurz gesagt: das, was das jeweilige religiöse Bewusstsein verarbeiten kann, ist auch genau das, was der entsprechende Mensch erfahren kann. Dabei spielt es eine entscheidende Rolle, ob ich ein Sammler bin, der nur zusammenträgt, was die Erde ihm bietet (wie der archaische Mensch), oder ob ich ein Jäger bin, der sich aktiv müht, zu erreichen, was die Erde ihm möglich macht (wie der magische Mensch), oder ob ich ein Züchter bin, der tatkräftig auf lebendige Materie einwirkt (wie der mythischen Mensch), oder ob ich ein Handwerker bin, der sich an toter Materie abarbeitet (wie der mentale Mensch). Entsprechend unserem Tun begreifen wir auch die uns umgebende Welt.

Wenn wir dann aber, wie es in religiösen Texten geschieht, in andere Welten eintauchen, müssen wir wissen, welches das Tun dieser Menschen war, um Ihr Verständnis der Welt erahnen zu können. Sonst versuchen wir mit dem Bewusstseinswerkzeug der Vorstellung Ereignisse zu begreifen, die aber mit dem Werkzeug der Erfahrung oder des Erlebnisses geschmiedet wurden. Dass so ein Versuch häufig ins Auge geht, versteht sich von selbst und wird durch die praktische Erfahrung bestätigt. Dabei könnte es schon ausreichen, eine ungefähre Vorstellung der mythischen Denkstrukturen zu besitzen, um zumindest die schlimmsten Fehler zu vermeiden. Denn an der Grenzziehung zwischen mythischem und mentalen Bewusstsein entstehen ja fast alle der großen Religionen, die wir heute kennen. Dies ist sowohl zeitlich, wie inhaltlich gemein. Nicht von ungefähr hat auch Karl Jaspers die Achsenzeit zuerst an dieser bedeutenden Schwelle entdeckt. Für uns heute ist dieser Wechsel entscheidend, zumal sich damals auch ein grundlegender Wechsel im Wesen der Religion vollzog: Religion wurde von einem Ordnungsfaktor zu einem Erlösungsweg.

Im mythischen Bewusstsein, jedenfalls bis zum Ende der mythischen Epoche, stellte Religion im gesellschaftlichen Gefüge einen Ordnungsfaktor dar. Durch sie wurden Spielregeln aufgestellt und ihre Einhaltung sanktioniert. Religion war nicht auf Zukunft ausgerichtet, es gab keine Hoffnungen auf ein künftiges Friedensreich, ein himmlisches Paradies oder ein vollkommenes Zeitalter. Der Arbeitsbereich der Religion war die Gegenwart und in ihr das Erhalten der aus der Vergangenheit überlieferten Zuordnung von oben und unten, Göttern und Menschen, Staat und Einzelnem, Leben und Tod usw. Die Strafe für ein Vergehen war nicht der Verlust des himmlischen Sitzplatzes, sondern der Ausschluss aus der Ordnung, d. h. aus der Gemeinschaft und in den Geregelten (also sicheren) Beziehungen. Außerhalb dieser Ordnung aber war kein wirkliches Leben möglich.

Mit der mentalen Struktur setzte sich auch ein neues Wesen der Religion durch. Die Menschen fragten jetzt nach Erlösung aus und von dieser Welt. Und die Religionen wandten sich daraufhin teilweise sogar vollständig einer jenseitigen, besseren Welt zu. In allen Religionen wird die gegenwärtige Welt als unvollkommen angesehen und die Hoffnung auf eine vollkommene Welt genährt. Der Weg in diese jenseitigen Welt ist mehr oder weniger deutlich vorgegeben, und ein Abkommen von diesem Weg gefährdet das Erreichen des Zieles. Nicht selten wurde nun gerade durch diese Ideen der Erlösung die staatliche oder gesellschaftliche Ordnung aufs Spiel gesetzt. Von nun an gibt es in allen Religionen einen Bereich, der über die Welt, das einzelne menschliche Leben und das dem menschlichen Bewusstsein Vorstellbare hinausgeht. Erst dadurch auch können die verschiedenen Erlösungswege in Konkurrenz zueinander treten, und wird letztendlich jede Religionen das von ihr ein gezielte Jenseits als das End-gültige behaupten.

 

Abschließend zu diesem Kapitel ein letzter Vorschlag, wie Sie sich die verschiedenen Bewusstseinsstrukturen verständlich machen können: beobachten Sie Kinder. Oder damit behaupten zu wollen, dass ein Kind in seiner Individualentwicklung die verschiedenen Stufen der Menschheitsentwicklung nachvollzieht, gibt es doch einige Parallelen. Ein neugeborenes Kind befindet sich in einem Nahe zu archaischen Zustand der Einheit mit seiner Umwelt. Es kann übrigens Blau und Grün noch nicht unterscheiden, wie es uns auch aus China von den archaischen Menschen berichtet ist: Himmel und Erde sind noch eines. Ein Kind im ersten Spielalter, zwischen zwei und vier Jahren, zeigt deutlich magische Züge. Hierher gehört auch das Beispiel mit dem Pusten bei Verletzungen, dass ich oben schon anführte. Generell reicht hier noch aus, eine Sache handhaben zu können, um sie zu verstehen. Das etwa fünf bis siebenjährige Kind ist mythisch veranlagt - Sie erzählen ihm Märchen. Geschichten sind überhaupt der Weg, die Welt verständlich zu bekommen. Denken Sie auch an die Bedeutung, die Sprache bei Vorschulkindern hat. Die jetzt einsetzende selbstständige Vergrößerung des Lebensraumes ist eine Form, Wirklichkeit durch Er-fahren zu erobern. Von ganz allein, durch die Schule natürlich unterstützt, entwickelt sich das Kind weiter und beherrscht mit etwa zehn Jahren das mentale Denken schon recht gut. Es fordert Erklärungen, Begründungen und Kontinuität, d. h. Zuverlässigkeit im Handeln und Denken. Jetzt ist es offen für moralische Forderungen und beginnt eines Tages, Eltern und Bekannte sehr massiv mit Fragen zu nerven, unter anderen auch mit der Frage nach dem Sinn des Lebens. Spätestens hier beginnen Sie zu ahnen, dass der Mensch in gewisser Weise wirklich "unheilbar religiös" ist.

 

Fortsetzung folgt